Kultur Die Fabeln von Jean de la Fontaine
2016-12-14 03:19:11 TV5MONDE Europe

Les Fables de Jean de la Fontaine (1621-1695), die in der Schule auswendig gelernt, an Universitäten studiert und auf Theaterbühnen gespielt werden, sind heute noch äußerst beliebt und zeichnen sich durch ihre ewige Relevanz und die Modernität ihrer Botschaften aus.

Entdecken Sie mit uns die berühmtesten!


DER RABE UND DER FUCHS (LE CORBEAU ET LE RENARD)

Im Schnabel einen Käse haltend, hockt
auf einem Baumast Meister Rabe.
Von dieses Käses Duft herbeigelockt,
spricht Meister Fuchs, der schlaue Knabe:
„Ah, Herr von Rabe, guten Tag!
Ihr seid so nett und von so feinem Schlag!
Entspricht dem glänzenden Gefieder
auch noch der Wohlklang Eurer Lieder,
dann seid der Phönix Ihr in diesem Waldrevier."
Dem Raben hüpft das Herz vor Lust. Der Stimme Zier
möcht' er nun lassen schallen;
er tut den Schnabel auf – und lässt den Käse fallen.
Der Fuchs nimmt ihn und spricht:
„Mein Freundchen, denkt an mich!
Ein jeder Schmeichler mästet sich
vom Fette dessen, der ihn gerne hört.
Die Lehre sei dir einen Käse wert!"
Der Rabe, scham- und reuevoll,
schwört, etwas spät, dass ihm so was nie mehr passieren soll.


DIE GRILLE UND DIE AMEISE (LA CIGALE ET LA FOURMI)

Die Grille, die den Sommer lang
zirpt' und sang,
litt, da nun der Winter droht',
harte Zeit und bittre Not:
Nicht das kleinste Würmchen nur,
und von Fliegen eine Spur!
Und vor Hunger weinend leise,
schlich sie zur Nachbarin Ameise,
und fleht' sie an in ihrer Not,
ihr zu leihn ein Stückchen Brot,
bis der Sommer wiederkehre.
»Hör'«, sagt sie, »auf Grillenehre,
vor der Ernte noch bezahl'
Zins ich dir und Kapital.«
Die Ameise, die wie manche lieben
Leut' ihr Geld nicht gern verleiht,
fragt' die Borgerin: »Zur Sommerzeit,
sag doch, was hast du da getrieben?«
»Tag und Nacht hab' ich ergötzt
durch mein Singen alle Leut'.«
»Durch dein Singen? Sehr erfreut!
Weißt du was? Dann tanze jetzt!«


DER WOLF UND DAS LAMM (LE LOUP ET L’AGNEAU)

Das Recht des Stärkern ist am meisten wert.
Hört, wie es diese Fabel lehrt.
Ein Lämmchen löschte in der Flut
Des klaren Quells des Durstes Glut.
Da lag - o böses Ungemach! -
Ein Räuber an demselben Bach,
Ein wilder Wolf, mit leerem Bauch.
Der rief voll Gier und Wut:
„Wer lehrte dich so kühnen Brauch,
Zu trüben meinen Trank?
Wer Frevel treibt, der sühnt es auch!"
Das Lämmchen zitterte und sank
Demütig in die Knie.
„Sire,« sprach es, „Sire, bedenken Sie,
Dass ich weit unterhalb von Ihrem Platze trank,
Und da die Wellen talwärts gehn,
Blieb dort, wo Eure Majestät geruhn zu stehn,
Das Wasser ungetrübt und blank."
 
„Du trübst es doch!" rief streng das wilde Tier.
„Auch weiß ich, dass vor Jahresfrist du mir
Viel Übles nachgeredet hast." - „Vor einem Jahr?"
Entgegnete das Lamm, „eh ich geboren war?
Ich trink noch heute an der Mutter, Sire!"
„So war's ein Bruder denn von dir."
„Ich habe keinen." - »Nun, so war's aus deinem Bunde
Ein andrer - wie ihr immer schimpflich von mir denkt,
Ihr, eure Hirten, eure Hunde.
Man sagte mir's. Und weil ihr mich gekränkt,
Ihr, die ihr sämtlich Bösewichter,
So muß ich Rache üben alsobald."
Er griff das Lamm und schleppte es zum Wald
Und fraß es - ohne Recht und Richter.



DER FROSCH, DER SO GROß WERDEN WOLLTE WIE DER STIER (LA GRENOUILLE QUI VEUT SE FAIRE AUSSI GROSSE QUE LE BŒUF)

Ein Frosch sah einstmals einen Stier,
und war sehr angetan von der Gestalt.
Kaum größer als ein Ei, war doch voll Neid das Tier;
es reckt sich mächtig hoch und bläht sich mit Gewalt, weil es so gern so groß wie dieser wär'.
Drauf spricht es: »Bruder, sieh doch her,
ist es genug? Bin ich so groß wie du?« – »O nein!«
»Jetzt aber?« – »Nein!« – »Doch nun? Sag's mir!«
»Wie du dich auch ermattest,
du wirst mir niemals gleich!« Das arme kleine Tier
bläht sich und bläht sich – bis es platzt.
Wie viele gibt's, die nur nach eitler Größe dürsten!
Der Bürger tät' es gern dem hohen Adel gleich;
das kleinste Fürstentum spielt Königreich,
und jeder Graf gibt sich als Fürsten.



DER LÖWE UND DIE RATTE (LE LION ET LE RAT)

Man soll sich möglichst alle Welt verpflichten,
Der Kleinste selbst kann werten Dank verrichten

Nichts ahnend kroch
Aus ihrem Loch
Vor des Löwen Maul eine Ratte hervor
Und bangte, daß sie ihr Leben verlor.
Der König der Tiere aber bewies
Großmut, indem er sie laufen ließ.
Die Wohltat blieb nicht ohne Lohn.
Wer glaubt wohl, daß von jener Ratte
Der Löwe einen Nutzen hatte?
Und doch geschah's nach wenig Tagen schon,
Als er aus seinen sichern Wäldern ging
Und unversehens sich in einem Netze fing.
Er machte drin – vergeblich – groß Geschrei
Und doch: die Ratte eilt darauf herbei –
Das Maschenwerk zernagen ihre Zähne,
Befreit entkommt der König mit der Mähne.
Viel mehr als Wut und große Kraft
Hat hier Geduld und Zeit geschafft.



DIE EICHE UND DAS SCHILFROHR (LE CHÊNE ET LE ROSEAU)

Die Eiche sprach zum Schilf: »Du hast,
so scheint mir, guten Grund, mit der Natur zu grollen:
Zaunkönige sind dir schon eine schwere Last;
der Windhauch, der in leisem Schmollen
kräuselt des Baches Stirn unmerklich fast,
zwingt dich, den Kopf zu neigen,
indes mein Scheitel trotz der Sonne Glut
wie hoher Alpenfirn und auch des Sturmes Wut
es nicht vermag, mein stolzes Haupt zu beugen.
Was dir schon rauher Nord, scheint linder Zephir mir.
Ja, ständst du wenigstens, gedeckt von meinem Laube,
in meiner Nachbarschaft! O glaube,
meinen Schutz gewährt' ich gerne dir;
du würdest nicht den Sturm zum Raube.
So aber steht am feuchten Saum
des Reichs der Winde du in preisgegebnem Raum.
An dir hat die Natur sehr ungerecht gehandelt!«
»Das Mitleid«, sagt das Rohr, »das dich anwandelt,
von gutem Herzen zeugt's, doch sorge nicht um mich!
ich beug' mich, doch ich breche nicht. Zwar hieltst du dich
und standst, wie furchtbar sie auch schnoben,
fest, ungebeugt bis heut an deinem Ort.
Doch warten wir!« Kaum sprach das Rohr dies Wort,
da, sieh, am Horizont in schwarzer Wolke zeigt sich
und rast heran, ein Sturmessausen;
des Nordens schlimmsten Wind hört man da brausen.
Fest steht der Baum, das Schilfrohr aber neigt sich,
Der Sturm verdoppelt seine Wut
und tobt, bis er den fällt,
des stolzes Haupt dem Himmel sich gesellt
und dessen Fuß ganz nah dem Reich der Toten ruht.

 

Entdecken Sie die Fabeln von Jean de la Fontaine in Originalsprache und als Videos unter http://focus.tv5monde.com/fables-de-la-fontaine/
 

Bilder: Monsieur Hou

 

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